Aufarbeitung der Corona-Maßnahmenpolitik bleibt auf der Agenda!

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Ein Beitrag des gesundheitspolitischen Sprechers der AfD-Fraktion im LVR Dr. Frank Schnaack zu den psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen durch die Corona-Maßnahmenpolitik in der LVR-Retroperspektive:

Während der COVID-19-Pandemie haben sich verstärkt psychische Probleme bei Kindern und Jugendlichen gezeigt. Es ist jedoch noch unklar, inwieweit sie die notwendige stationäre Behandlung erhielten und ob die in Studien beobachtete Zunahme von affektiven Störungen und Essstörungen sich auch in den Krankenhausbehandlungen widerspiegelt. Daher wurde anhand von Krankenhaus-Routinedaten gemäß §21 KHG des Instituts für das Entgeltsystem im Krankenhaus eine Analyse durchgeführt, die einen Zeitraum vor der Pandemie und einen pandemischen Zeitraum (1. Halbjahr 2019 vs. 1. Halbjahr 2021) umfasste. Dabei wurden die Fallzahlen, Diagnosen und Verweildauern in der Kinder- und Jugendpsychiatrie untersucht. Zudem wurden die Notfallaufnahmen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ausgewertet. Die Analyse ergab eine Zunahme von internalisierenden Störungen wie Depressionen, Anorexia nervosa (Magersucht) und Belastungsstörungen sowie einen Rückgang von Störungen des Sozialverhaltens mit emotionaler Störung.

Zu diesem Thema gab es auch im Februar 2024 einen Artikel im Magazin Cicero, der die Erfahrungen mehrerer Kinder und Jugendlicher während der Corona-Krise wiedergab. Die dort gesammelten O-Töne waren erschreckend: „Ich stand auf der Brücke und überlegte, zu springen“, „Noch heute bekomme ich Tränen, wenn ich an meine Selbstmordgedanken und Panikattacken zurückdenke“, „Wo war eigentlich die Solidarität mit uns Schülern?“, „Ich fühlte mich wie ein Ausgestoßener“, „Die Ausgrenzungen, die ich als ungeimpfte Person erfuhr, zerstörten meinen Glauben an die Politik, die Gesellschaft und die Medien“; ein Lehrer „sagte sogar, dass er [die ungeimpften Schüler] dafür verantwortlich machen werde, falls er wieder erkranken sollte“.

Angesichts der deutlichen und beinahe einjährigen sozialen Einschränkungen, die Kinder und Jugendliche in den Jahren 2021 und 2022 aufgrund von Lockdown-Maßnahmen erfahren haben, betrifft der analysierte Zeitraum genau die Phase, in der eine erhöhte Belastung von Kindern und Jugendlichen zu erwarten war. Diese Belastung wurde auch in epidemiologischen Studien festgestellt (vgl. Ravens-Sieberer et al., 2021; Ravens-Sieberer et al., 2022). Daher lässt sich anhand der uns vorliegenden Daten durchaus schlussfolgern, dass ein Teil dieser zusätzlich belasteten Kinder und Jugendlichen nicht sofort durch das stationäre System versorgt werden konnte. Es ist methodisch bedingt, dass die Prävalenz von Kindern und Jugendlichen, die in epidemiologischen Studien als auffällig identifiziert werden, höher ist als die Prävalenz derjenigen, die tatsächlich die Diagnosekriterien für psychische Störungen erfüllen (vgl. Sauer et al., 2014).

Was bedeutete dies retrospektiv für die Entwicklung psychischer Symptome im Verlauf der Corona-Pandemie und wie sah die Zahl der Behandlungen von Kindern und Jugendlichen während der Pandemiezeit in den Kliniken des Landschaftsverbandes Rheinland aus?

Als erstes muss festgehalten werden, dass Kinder und Jugendliche mit bestehenden psychischen Störungen während der Pandemie besonders anfällig für die Entwicklung von weiteren psychischen Symptomen bzw. weiteren psychischen Störungen waren.

Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen wurde während dieser Zeit von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Zu den auslösenden Faktoren zählten die soziale Isolation von Gleichaltrigen, welche durch Lockdown-Maßnahmen während der COVID-19-Pandemie extrem war; die Reduktion körperlicher Aktivität, die mit der Zunahme von Bildschirmzeit (Computer, Fernsehen, Smartphone) einherging, sowie die häufigere Konfrontation mit häuslichen und familiären Konflikten aufgrund der während der Pandemie abnehmenden Compliance (der Bereitschaft eines Patienten zur aktiven Mitwirkung an therapeutischen Maßnahmen) und der darauf folgenden verminderten Resilienz (Widerstandsfähigkeit) im psychischen Bereich.

Neben diesen auslösenden Faktoren spielten auch allgemeine Risikofaktoren eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung psychischer Störungen. Dazu gehörten die Armut und Bildungsferne der Eltern, die oft mit einem Mangel an Ressourcen und Unterstützung einhergingen. So war das während der Pandemie vorgesehene Homescooling für manche Familien schon alleine aus Finanzgründen und aufgrund des daraus folgenden Gerätemangels überhaupt nicht möglich.

Auch durfte in dieser Zeit der Aspekt nicht vernachlässigt werden, dass psychische Erkrankungen der Eltern das Risiko für psychische Probleme bei den Kindern erhöhen.

Negative Kindheitserfahrungen wie Vernachlässigung, Misshandlung und Missbrauch hinterließen tiefe seelische Spuren und haben bis heute langfristige Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Auch die schulische Überforderung und Mobbingerfahrungen während der Pandemiezeit erhöhten das Risiko für die Entwicklung von psychischen Störungen.

Gravierend war bei Kindern und Jugendlichen die Entwicklung von psychischen Symptomen, wenn die Ausweitung des pandemischen Geschehens bei einem Elternteil eine schwere Erkrankung (schwere Covid-Infektion mit Folgeschäden) oder sogar den Tod einer Bezugsperson hervorgerufen hatte.

Ravens-Sieberer et al. hatten in ihrer Publikation (2022) den Verlauf der Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen während der Corona-Pandemie sehr gut beschrieben. So hatten laut ihrer Studie insgesamt 15,3 Prozent der Kinder und Jugendlichen vor der Pandemie eine niedrige Lebensqualität (bedingt durch soziale und finanzielle Armut). Während der ersten Coronawelle (Mai bis Juni 2020) waren es bereits 39,8 Prozent, nach der zweiten Welle (Dezember 2020 bis Januar 2021) stieg die verschlechterte Lebensqualität sogar auf 48,1 Prozent an. Aufgrund der Adaption an das Geschehene, aber auch eigener psychischer Schutzmechanismen durch Ersatzhandlungen bei den Aktivitäten des täglichen Lebens (Fernsehen schauen, Süßigkeiten essen, Computerspiele spielen) konnte nach der dritten Welle (September bis Oktober 2021) ein Rückgang der verschlechterten Lebensqualität auf 35,5 Prozent festgestellt werden.

In dieser Zeit entstand auch die Corona-Psychologie-Studie (COPSY) sowie die Langzeitstudie „Längsschnittdaten des Nationalen Bildungspanels“ (National Educational Panel Study – NEPS). Letztere wird noch die nächsten Jahrzehnte laufen, denn mit NEPS sollen mittel- und langfristige Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Kompetenzentwicklung und Bildungsverläufe über den gesamten Lebensverlauf von Kindern und Jugendlichen während der Pandemiezeit untersucht werden. Hier wollen die Forscher herausfinden, welche mittel- und langfristigen Auswirkungen die Corona-Pandemie auf das Bildungs-Outcome, Einkommen, aber auch non-monetäre Renditen, wie z. B. Gesundheit/Gesundheitsverhalten und Arbeitsmarktpartizipation haben.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie manifestierten sich bei Kindern und Jugendlichen jedoch nicht nur als psychische Belastung, sondern beeinflussten auch das Gesundheitsverhalten: Während der Pandemie waren Kinder und Jugendliche deutlich inaktiver als vor der Pandemie und konsumierten mehr Süßigkeiten. Laut der COPSY-Studie war der Süßigkeitenkonsum in der ersten und zweiten Welle bei einem Drittel der Kinder erhöht, in der dritten Welle noch bei etwa einem Fünftel. Hinzu kam ein erhöhter Medienkonsum: Knapp die Hälfte der Kinder und Jugendlichen nutzte mit mehr als 3 bis 4 Stunden pro Tag mehr Medien als vor der Pandemie.

Die Kombination aus Bewegungsmangel und schlechterer Ernährung während der Pandemie führte laut einer Forsa-Umfrage aus dem Frühjahr 2022 mit 1004 Eltern bei vielen Kindern zu einer Gewichtszunahme: 16 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren hatten zugenommen, in der Gruppe der 10- bis 12-Jährigen waren es sogar 32 Prozent.3

Wie bei den psychischen Erkrankungen zeichnete sich auch hier eine Risikogruppe ab: Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien waren doppelt so häufig von einer Gewichtszunahme betroffen als andere Kinder. Die Befragung der Eltern ergab zudem, dass 27 Prozent der Kinder und Jugendlichen häufiger Süßigkeiten aßen als zuvor.4

Reaktion des Landschaftsverbands Rheinland auf die vermehrte psychische Belastung bei Kindern und Jugendlichen während der Corona-Pandemie

Der Landschaftsverband Rheinland reagierte auf die besorgniserregende Anzahl von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Symptomen, indem er in seinen neun Kliniken Einrichtungen mit niederschwelliger Versorgung anbot. So wurden Spezialambulanzen für Familien mit Kindern und Jugendlichen mit psychischen Belastungen und seelischen Störungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie und den daraus resultierenden Kontaktbeschränkungen errichtet. Auch wurden videogestützte Behandlungsangebote mittels einer von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) zertifzierten Softwarelösung und Kooperationsgespräche mit Jugendämtern und Schulen ins Leben gerufen.

Ferner wurde ein Präventionsprogramm durch Kooperation und Vernetzung mit den Jugendämtern, den Trägern der Jugendhilfe sowie mit Klinken für Kinder und Jugendmedizin gestartet. Als Beispiel seien hier für die LVR-Klinik in Bonn, die Universitätsklinik Bonn, das Marien-Hospital Bonn, die Kinderklinik Sankt Augustin sowie das Kreiskrankenhaus Mechernich genannt. Auch wurden Schulen für Kranke mit eingebunden.

Dass während der Pandemie deutlich mehr Fälle auch in den psychiatrischen Kliniken des LVR behandelt wurden, zeigen beispielsweise die Zahlen der Inanspruchnahme der geschützten Akutstation der Kinder- und Jugendpsychiatrie der LVR-Klinik in Bonn:

2018 Fälle: 309

2019 Fälle: 285

2020 Fälle: 343  (ausgeprägte Pandemie)

2021 Fälle: 444  (ausgeprägte Pandemie; Stand zum Zeitpunkt 1.10.2021)

Fazit:

Die Corona-Pandemie hatte schwerwiegende Auswirkungen auf das Gesundheitsverhalten von Kindern und Jugendlichen und hat somit die gesundheitliche Ungleichheit in Deutschland weiter verschärft. Befeuert wurden diese katastrophalen Auswirkungen durch eine verfehlte Pandemie-Politik von Bund und Ländern, sei es durch die überzogenen Lockdown-Maßnahmen, die Abstandsregeln, die Ausgangssperren abends oder das Maskentragen.

Letztendlich erwies sich die Coronazeit mit allen ihren Facetten nicht nur als Bumerang für Krankheiten wie Adipositas und Diabetes, sondern aus ihr erwachsen auch weitere Entwicklungsschwierigkeiten für die damals betroffenen Kinder und Jugendlichen, wie die oben erwähnte Studie NEPS bereits jetzt schon erahnen lässt.

Aufgrund der oben aufgeführten Erkenntnisse ergeben sich wichtige Handlungsempfehlungen für zukünftige Krisensituationen in der psychiatrischen Betreuung und Behandlung von Kindern und Jugendlichen:

1. Frühzeitige Unterstützungssysteme:

Es müssen frühzeitig Unterstützungsmechanismen für Kinder und Jugendliche etabliert werden, um soziale Isolation zu verhindern und die psychische Gesundheit zu fördern. Dies kann durch den Ausbau von Online-Ressourcen, Telefonsupport und virtuelle Gruppenaktivitäten geschehen.

2. Stärkung der Familienressourcen:

Investitionen in Programme zur Stärkung von Familienressourcen können dazu beitragen, häusliche Konflikte zu reduzieren und Eltern dabei zu unterstützen, angemessen mit Stress und Belastungen umzugehen.

3. Frühzeitige Intervention bei Risikofaktoren:

Es muss frühzeitig auf Risikofaktoren wie Armut, psychische Erkrankungen der Eltern und negative Kindheitserfahrungen reagiert werden, indem entsprechende Unterstützungsmaßnahmen erfolgen. Dies kann die frühzeitige Identifizierung von gefährdeten Kindern und Jugendlichen sowie deren gezielte Betreuung umfassen.

4. Stärkung des Bildungssystems:

Unser Bildungssystem sollte in der Lage sein, auf Krisensituationen wie Lockdowns und Schulunterbrechungen angemessen zu reagieren. Dies kann durch die Bereitstellung von Online-Lernressourcen, psychologische Unterstützung für Schülerinnen und Schüler sowie Schulungen für Lehrkräfte zur Erkennung und Unterstützung von Schülerinnen und Schülern mit psychischen Belastungen geschehen.

5. Integration von psychischer Gesundheit in Krisenmanagementpläne: 

Krisenmanagementpläne sollten die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen als zentrales Thema berücksichtigen und entsprechende Maßnahmen zur Prävention, Früherkennung und Behandlung von psychischen Störungen beinhalten.

Durch die Umsetzung dieser Handlungsempfehlungen könnten zukünftige Krisensituationen besser bewältigt und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen besser geschützt werden.

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