Anderen Menschen nahe zu sein, unser Leben zu teilen, gute Beziehungen aufzubauen – das ist ein natürliches Bedürfnis aller Menschen. Einsamkeit entsteht, wenn diese sozialen Beziehungen nicht mehr den persönlichen Wünschen und Bedürfnissen entsprechen und die Zahl der Kontakte als auch die Tiefe und Enge von Bindungen massiv abnehmen. Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl, daher sind die Ursachen für Einsamkeit individuell und lassen sich nur schwer verallgemeinern. Viele Betroffene bemerken zunächst diffuse Traurigkeit und das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Erhöhte Isolation und Einsamkeit bedeuten dagegen Stress mit schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen wie Schlafstörungen, Depressionen und schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Anpassungsstörungen, sowie soziale Phobie.
Im August 2022 wurde ein Scoping Review im Journal der American Heart Association (JAHA) veröffentlicht, dass ein direkter Zusammenhang zwischen sozialer Isolation, koronarer Herzkrankheit und Schlaganfallsterblichkeit aufgezeigt. Hierzu gab es im Januar 2023 einen weiteren ergänzenden Artikel von Dr. Julianne Holt-Lunstad und Dr. Carla Perissinotto im New England Journal of Medicine.[1] Dieser Artikel greift das Thema Vereinsamung ebenfalls auf. Und in Großbritannien gibt es bereits seit 2018 ein Ministerium, das Versuche koordinieren soll, Menschen aus der Isolation und der Anonymität herauszuholen.
Betrachtet man nun Deutschland, so ist festzustellen, dass im Jahr 2021 insgesamt 803 979 Patienten vollstationär in psychiatrischen und psychosomatischen Krankenhäusern waren. Davon wurden im Bereich der Allgemeinpsychiatrie 665 372 und in der Psychosomatik 72 818 Patienten stationär versorgt. Etwa ein Drittel der psychiatrischen und psychosomatischen Versorgung entfiel auf die Behandlung von mittelschweren depressiven Episoden und psychischen Erkrankungen durch psychotrope Substanzen.
Von den behandelten Patienten waren 52 % männlich und 48 % weiblich, wobei das Durchschnittsalter der Patienten bei 45 Jahren lag und sie ca. 29 Tage im Krankenhaus verbrachten. De größere Anteil der Patienten (47 %), kam notfallmäßig ins Krankenhaus, während 43 % von ihren Ärzten überwiesen wurden. Weitere 10 % wurden zwischen den Krankenhäusern verlegt. Was die Entlassung oder Verlegung betrifft, so wurden 72 % der Patienten nach Abschluss ihrer stationären Krankenhausbehandlung regulär entlassen. Lediglich in 2 % der Fälle wurde die Behandlung gegen ärztlichen Rat abgebrochen.[2]
Betrachtet man nun von 2021 bis heute ausschließlich die Psychosomatik und die Depressionen, so ist hier eine deutliche Steigerung zu verzeichnen. Dies ist primär Folge der Isolation und des „Social Distancing“ während der Covid-Pandemie. Hierzu hatte bis Juni 2022 das Robert Koch-Institut im Verlauf der COVID-19-Pandemie die Entwicklung verschiedener Merkmale psychischer Gesundheit bei Erwachsenen in Deutschland untersucht. Die Befunde dieser Untersuchung deuten darauf hin, dass sich wesentliche Merkmale psychischer Gesundheit in der erwachsenen Bevölkerung nach anfänglicher Resilienz zu Pandemiebeginn seit Ende 2020 verschlechtert haben. Die verschlechterte subjektive psychische Gesundheit zum Ende des Beobachtungszeitraums, sowie das vermehrte Auftreten von Depression und Angstsymptomen erfordern nun dringend Wachsamkeit in der Politik, der weiteren Gesundheitsversorgung und -förderung sowie in der Prävention.[3]
Belastende Ereignisse wie die Corona-Pandemie, die Energie-Krise und der Ukraine-Krieg kann man durchaus als Brandbeschleuniger von Depressionen bezeichnen. Die Zahl der Patienten mit Depressionen in Deutschland hat in den letzten Jahren besorgniserregend zugenommen. Laut Publikation der KKH (Kaufmännische Krankenkasse Halle) sind vor allem die Diagnosen von wiederkehrenden Depressionen in den letzten Jahren bundesweit um ca. 71 Prozent gestiegen. Dabei muss fairerweise auch gesagt werden, dass durch die Corona-Krise nur eine weitere Steigerung von 6% zu verzeichnen war. Anzumerken ist bei der Zahl der durch die Corona-Krise gestiegenen Depressionen, dass dies nur der Anfang einer Steigerung sein könnte, denn von den ersten Anzeichen solch einer Depression bis hin zu einer entsprechenden Diagnose können Monate oder Jahre vergehen.
Wie aber macht sich eine Depression durch Einsamkeit und den evtl. folgenden gesundheitlichen Schäden bemerkbar?
Zum einen ist es Unruhe und Schlaflosigkeit, sowie zunehmende Beschwerden von Magen-Darm-Problemen bis hin zu Rückenschmerzen. Zum anderen kommen im weiteren Verlauf Kopfschmerzen, Nervosität, Unkonzentriertheit und Bluthochdruck hinzu. Letztendlich schleicht sich bei den Betroffenen ein Gefühl von depressiver Stimmungen ein, gefolgt von der Selbstreflektion: „Mit mir stimmt etwas nicht!“ Auffällig ist dann dieses immer wiederkehrende Gefühl der Einsamkeit und der Verlassenheit. Dabei unterscheiden sich Menschen, aufgrund ihrer individuellen Resilienz, welche Symptome und in welcher Stärke sie diese erfahren. Chronisch einsame Menschen entwickeln häufig Bluthochdruck. Also Folge dieser körperlichen Reaktion besteht ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zum Herzinfarkt. Je länger die Einsamkeit anhält, desto größer ist das Risiko. Dass dies nicht an den Haaren herbeigezogen ist, konnten Forscher aus Neuseeland nachweisen. Sie beobachteten Menschen von der Geburt bis zum 26-igen Lebensjahr und fanden so heraus, dass diejenigen, die während ihrer Kindheit und Jugend von schwerer sozialer Isolation berichteten, ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hatten.
Aufgrund dieser Analysen wird deutlich aufgezeigt, dass Personen, die Einsamkeit erleben, ein erhöhtes Risiko haben, im Laufe der Zeit Bluthochdruck zu entwickeln. Selbst unter Berücksichtigung von Faktoren wie Alter, Geschlecht und allgemeinem Stressniveau haben sich die Auswirkungen längerer Einsamkeit als signifikant für Herzerkrankungen erwiesen. Auch eine in den USA durchgeführte Studie unterstrich diesen Zusammenhang zwischen sozialer Isolation und erhöhtem Blutdruck.
Damit aber noch nicht genug, verband eine US-amerikanische und französische Studie mit über 12.000 Teilnehmern Einsamkeit mit einem um 40 Prozent erhöhten Risiko, im Laufe des Lebens an Alzheimer zu erkranken. Der Mangel an sozialen Kontakten bzw. das Defizit an sozialen Beziehungen erhöht somit eindeutig das Alzheimer-Risiko. Menschen, die sich einsam fühlen, führen weniger anregende Gespräche und haben weniger kognitiv fördernde Aktivitäten, die die Gehirnaktivität ankurbeln. Somit wird der durch Alzheimer verursachte degenerative Prozess weiter beschleunigt.
Auch wenn Ängste sich in sozialen Situationen manifestieren, kann ein Teufelskreis entstehen. In diesem Fall fand eine Studie heraus, dass einsame Menschen und Personen, die sich in sozialen Situationen ängstlich fühlten, auf Social-Media-Kanälen aktiver waren. Kommt es jedoch dort zu Negativerlebnissen, verstärkt dies wiederum das Gefühl der Einsamkeit und des Unbehagens. Man wird nicht verstanden oder dort sogar abgelehnt. So interagieren Depression und Einsamkeit und können sich sogar verstärken.
Bereits in 2021 wurde ein Forschungsgutachten zum Thema Einsamkeit durch den Landtag in Auftrag gegeben (MMI-17-366). Hier wurde festgestellt, dass Menschen die sich ehrenamtlich engagieren (z. Bsp.), eine vierfach niedrigere Wahrscheinlichkeit haben einsam zu sein als Personen, die sich nicht ehrenamtlich engagieren.[4]
Lösungen zu diesem komplexen Thema
Viele Staaten haben bereits in ihren Familien- und Sozialministerien das Thema der Isolation und Einsamkeit fokussiert. Großbritannien hat seit 2018 hierfür ein eigenes Ministerium eingerichtet. So hat auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend seit November 2011 das Projekt „Strategie gegen Einsamkeit“ ins Leben gerufen.
Leider ist Einsamkeit in unserer Gesellschaft oft ein Tabuthema. Daher ist die Gesellschaft aufgefordert, das Thema aus dem gesellschaftlichen Schatten herauszuholen und es zu enttabuisieren. Hier ist es wichtig die vorhandenen Angebote besser bekannt zu machen und auch die Betroffenen zu ermutigen diese Angebote anzunehmen.
Aus der beispielsweise in 2022 abgeschlossenen Beobachtungsstudie (SOLUS – Internetbasierte Selbsthilfe zur Reduktion von Einsamkeitsgefühlen bei chronischer Einsamkeit) wurde das SOLUS-D Selbsthilfeprogramm entwickelt. Dieses Selbsthilfeprogramm besteht aus insgesamt 9 Modulen und dauert 10 Wochen. Leider unterliegen Selbsthilfeinterventionen generell, welche selbständig und ohne Begleitung durchgeführt werden können, einer hohen Abbruchrate. Hier wäre jedoch ein besserer Erfolg zu erzielen, wenn die Nutzung von Selbsthilfeprogrammen durch Fachpersonal oder geschulte Laien begleitet würde. Diese Begleitung könnte ein wöchentlich individualisierter Informationsaustausch (E-Mail, persönliches Telefongespräch, etc.) sein um Rückmeldung des Programmfortschritts zu erhalten, offene Fragen zu klären und den Teilnehmer weiter zu ermutigen das Programm zu absolvieren. Hilfreich wäre es, wenn sogar Personen involviert wären, die hier aus der eigenen Erfahrung sprechen könnten.[5]
Wäre es bei den bundesweit steigenden Zahlen von Depressionen, nicht eine gute Idee für unsere Menschen im Rheinland das Angebot eines begleitenden SOLUS-D-Selbsthilfeprogramms durch den LVR zu starten? Der LVR besitzt neun psychiatrischen Kliniken und zeigt hier eindeutig seine Kernkompetenz. Durch solch ein LVR-Angebot werden Möglichkeiten aufgezeigt unterschiedliche Zielgruppen von Jung und Alt zu erreichen und das Thema „Einsamkeit“ professionell anzugehen. Vielleicht könnte darüber hinaus eine Kampagne ins Leben gerufen werden welche den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördert und die Sensibilisierung in der Gesellschaft für einsame Menschen und des solidarischen Miteinanders stärkt. Die Förderung gesellschaftlicher Teilhabe, Angebote für alleinstehende Menschen und die Förderung von ehrenamtlichem Engagement wäre sicherlich im LVR implementierbar.
[1] https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMp2208029?query=main_nav_lg – zuletzt besucht am 11.04.2023
[2] https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Krankenhaeuser/ krankenhaeuser.html – zuletzt besucht am 11.04.2023
[3] https://www.rki.de/DE/Content/Service/Presse/Pressemitteilungen/2022/05_2022.html – zuletzt besucht am 11.04.2023
[4] https://www.landtag.nrw.de/files/live/sites/landtag-r20/files/Internet/I.A.1/EK/17._WP/EK%20IV/MMI17-366.pdf – zuletzt besucht am 12.04.2023
[5] https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/a-1711-8377 – Psychotherapie im Dialog 2022; 23 (04): Seite 68-72 – zuletzt besucht am 12.04.2023